Sturmflut 2023 – die Jahrhundertflut an der Ostsee

Am 20. Oktober 2023 lag über der Ostsee eine außergewöhnliche und bedrohliche Wettersituation.
Zwischen dem Tiefdruckgebiet „Wolfgang“ und dem Hochdruckgebiet „Wibke“ herrschten extreme Luftdruckgegensätze. 
Dadurch stellte sich eine besonders starke östliche Strömung ein – ein Wind, der die Ostsee großflächig aufpeitschte und in Kombination mit astronomischen Faktoren die schwerste Sturmflut seit 1872 verursachte. 



Dieser Ostwind prägte auch meine fotografische Wanderung entlang der Kieler Förde, vom geschützten inneren Bereich bis in die offene Außenförde. Jeder Kilometer weiter auf meinem Weg entlang des Ostufers der Förde zeigte deutlicher welche Kräfte sich hier entluden.

Mein Weg begann am Ufer von Alt-Heikendorf und der historischen Seebadeanstalt – die Ostsee stand schon fast auf der Höhe der Badestege und stieg immer weiter. 


Von dort ging es dann über den schon unter Wasser stehenden Fördewanderweg zum Hafen Möltenort.

Obwohl dort der Hafen und das Ufer genauso überspült waren, wirkte das Wasser auch hier erstaunlich ruhig. 
Der Wind kam aus Osten, also von Landseite, und konnte die Wasseroberfläche kaum erreichen. Das Heikendorfer Ufer lag hier im Windschatten. 


Das Wasser stand hoch, drückte gegen Kaimauern und Stege, doch die Oberfläche blieb fast glatt, nur von leichten Schubbewegungen geprägt.
Es war die stille Vorstufe eines Ereignisses, das sich erst weiter draußen voll entfaltete.

Am Hauptstrand von Heikendorf zeigte sich die Situation ähnlich – allerdings schon mit einigen langlaufenden Wellen von weiter draußen auf der Förde.
Das Wasser stand schon sehr hoch am Strand aber es fehlten noch einige Meter zur begrenzenden Steinmauer des Fördewanderwegs. 
Die Luft wirkte schwer durch die dunklen und grauen Wolken.

In Laboe begann sich die Lage weiter zu verändern.
Auch hier kam der Wind noch vom Land, aber die Förde öffnet sich an dieser Stelle weiter nach Osten. Dadurch erreichten, ungefähr hinter der alten Schwimmhalle, erste längere Wellenlinien direkt den Uferbereich.
Noch nicht steil, noch nicht sehr laut, aber spürbar im Aufbau und durchaus schon kraftvoll.

Die Wolken zogen schnell, das Licht wurde immer flacher und die Szene dramatischer.

Am Naturschutzgebiet vor Laboe begann der Wendepunkt.
Dort dreht sich der Küstenverlauf so, dass der Wind nicht mehr über Land, sondern über offenes Wasser kommt. Und sofort änderte sich das Bild. Die Wellen bauten sich höher auf, kippten in kurzen Abständen und brachten erste breite Gischtfelder an die Uferkante.
Der Wind trug feine Tropfen weit in die Dünen hinein, und die Geräuschkulisse wurde voller, schwerer. Die Sturmflut zeigte hier ihre erste echte Form.

Zwischen Laboe und Stein, an der Hagener Au, erreichte die Ostströmung schließlich ihre ungebremste Wirkung.
Die Außenförde lag vollständig im Einfluss des langen Fetch über die Ostsee.
Die Wellen wurden steil, unberechenbar, kraftvoll.
Überlagerte Linien, plötzlich ansetzende Kämme, Gischtfahnen, die quer über das Ufer fegten.

Der Wind schlug seitlich gegen den Körper, und die Brandung arbeitete mit einer Intensität, die nicht mehr mit den Bedingungen weiter innen vergleichbar war.
Zusätzlich fielen immer wieder leichte Regenschauer, die der starke Wind mit der weit getragenen Gischt zu einem dichten, feuchten Schleier verwob.

Am Ufer Richtung Stein und Wendtorf stand die Sturmflut dann in ihrer vollen Wucht. Hier zeigte sich die Gewalt des Ostwinds ohne Schutz, ohne Dämpfung, direkt aus der offenen See. Die Landschaft wirkte reduziert auf Kräfte, Formen und Bewegung.

Auf Grund der beeindruckenden Erfahrung dieses Tages hatte ich mich entschlossen, die gesamte dokumentarische Serie in Schwarzweiß mit einem markanten Bildrauschen zu gestalten. 
Die großen Fine Art-Drucke aus dieser Serie, bieten ein feineres Rauschen, da mir hier der Detailreichtum der Wasserstrukturen sehr wichtig war.

Ohne Farbe treten Struktur, Kontrast und Licht klarer heraus – Farbe lenkt so nicht von den wesentlichen Inhalten ab.

Die Bilder zeigen für mich nicht nur die “Flut im Sturm“, sondern auch meinen  Weg dorthin – vom fast lieblich überfluteten östlichen Innenbereich der Kieler Förde bis zu jener Linie, an der Wind, Wasser und Küste ungehindert aufeinandertreffen.

Weitere Meeresbilder:

meeresfoto.de